Vogelsbergkreis, 14.10.2026 (lifePR) – Wenn ein geliebter Mensch stirbt, gerät die Welt aus den Fugen. Vertraute Stimmen verstummen, ein Platz am Tisch bleibt leer, und vieles fühlt sich plötzlich anders an. Während Erwachsene oft nach Worten für ihren Schmerz suchen, fällt es Kindern häufig noch schwer, auszudrücken, was in ihnen vorgeht. Auf die sehr unterschiedlichen Formen von Trauer gehen die Ehrenamtlichen des Vogelsberger Vereins „Das Helle Haus“ bei ihrer Trauerbegleitung ein. Während eines Treffens mit dem Ersten Kreisbeigeordneten Patrick Krug berichteten die Vereinsmitglieder Melanie Schürer, Heike Müller und Beate Jung von ihrer Arbeit und den vielfältigen Möglichkeiten, Menschen im Vogelsbergkreis in ihrer Trauer zu unterstützen.
„Was Sie hier leisten, ist unglaublich wertvoll. Es ist alles andere als selbstverständlich, dass Menschen sich dieser schwierigen und zugleich so bedeutenden Aufgabe annehmen“, würdigte Patrick Krug das Engagement des Vereins. „Ich bin sehr froh, dass es ein solches Angebot bei uns im Vogelsbergkreis gibt. Menschen in ihrer Trauer nicht allein zu lassen, ihnen zuzuhören und einen geschützten Raum zu geben, ist in meinen Augen enorm wichtig.“
Genau diesen Raum möchte das „Helle Haus“ schaffen: einen Ort der Geborgenheit, des Verständnisses und der Zuversicht. Während früher häufig Großfamilien und enge Gemeinschaften Hinterbliebenen Halt gaben, fehle vielen Menschen heute ein solch tragendes Netzwerk. Aus dem Wunsch heraus, diese Lücke zu schließen, entstand die Idee, an die Hospizarbeit anzuknüpfen und Menschen auch über den Abschied hinaus in ihrer Trauer zu begleiten. „Wir möchten ein Ort sein, an dem Trauer sein darf – mit all ihrer Schwere, ihren unterschiedlichen Facetten, aber auch mit den leisen Momenten der Hoffnung“, erzählte die 1. Vorsitzende des Vereins, Melanie Schürer.
Im September hat der Verein sein Angebot erweitert: Neben der Begleitung von Erwachsenen, richtet sich die Arbeit nun auch gezielt an Kinder und Jugendliche. Mit der Gruppe „Hoffnungshüpfer“ ist eine Gruppe entstanden, die den Jüngsten einen geschützten Rahmen bietet, um einen Verlust auf ihre eigene Weise verarbeiten zu können. Die Treffen finden wöchentlich in den Räumlichkeiten von „Kompass Leben“ in Alsfeld statt.
„Kinder trauern anders als Erwachsene. Sie fühlen eher, als dass sie reden und können das Geschehene oft noch nicht rational erfassen“, erläuterte Heike Müller, Gründungsmitglied des „Hellen Hauses“ und Mitinitiatorin der Kindergruppe. „Sie drücken ihre Trauer manchmal so aus, dass es bei Erwachsenen auf Unverständnis treffen kann.“
So würden sich manche Kinder zurückziehen, während andere besonders lebhaft werden. Wieder andere könnten plötzlich sehr abwesend sein. „Sie können traurig sein und im nächsten Moment begeistert einem Schmetterling am Fenster nachschauen. Schmerz und Unbeschwertheit liegen für sie oft unmittelbar nebeneinander. Kinder brauchen einen Raum, in dem sie all das zeigen dürfen, ohne schief angeschaut zu werden. Bei uns müssen sie auch nicht stark sein, sondern dürfen einfach Kind sein“, sagte Müller.
Der Name „Hoffnungshüpfer“ beschreibt das Hin- und Herspringen zwischen Traurigkeit und Leichtigkeit, zwischen Schmerz und Neugier. Beides dürfe nebeneinander bestehen. Die Kinder sollten erfahren, dass all ihre Gefühle in Ordnung sind, ihre Fragen willkommen und sie mit ihrem Kummer nicht allein sind.
„Damit sich die Kinder sicher fühlen können, folgen die Treffen einer festen Struktur mit Begrüßungs- und Abschlussritualen“, erklärte Beate Jung. „Unsere Froschhandpuppe erleichtert den Einstieg – die Kinder reden gern mit ihr und erzählen ihr ganz unterschiedliche Dinge“, fügte Heike Müller hinzu. Anschließend gebe es Gesprächsrunden und kreative Angebote. „Es wird gemalt, gespielt, gesungen und sich bewegt – je nachdem, was den Kindern gerade guttut. Aber auch stille Momente haben ihren Platz. Manchmal möchten Kinder reden, manchmal brauchen sie Bewegung oder eben Ruhe. Wir geben ihnen die Möglichkeit, einen eigenen Weg zu finden, wie sie am besten mit der Trauer zurechtkommen“, erklärte Müller weiter.
Ein weiterer wichtiger Aspekt sei, dass die Kinder in der Gruppe unter sich sein dürfen. Viele versuchten, ihre Eltern zu schützen, obwohl diese selbst mit ihrer Trauer beschäftigt sind. Bei den „Hoffnungshüpfern“ müssten sie diese Verantwortung nicht übernehmen. Voraussetzung für die Teilnahme sind ein Vorgespräch und der eigene Wunsch des Kindes, dabei zu sein.
Die Trauergruppe verstehe sich ausdrücklich nicht als Therapie. Sollte sich zeigen, dass ein Kind weitergehende Unterstützung benötigt, würden die Eltern darauf hingewiesen werden. Gleichzeitig könnten auch sie die Möglichkeit nutzen, sich parallel zu den Treffen ihrer Kinder in der eigenen Trauer begleiten zu lassen. „Die Eltern erhalten dann auch eine Art ,Notfallkoffer‘ von uns. Mit Literatur sowie Hilfestellungen für akute Trauerphasen ihrer Kinder“, fügte Heike Müller hinzu.
„Der Tod gehört zum Leben, auch wenn es uns schwerfällt, darüber zu sprechen. Ihre Angebote, ob ‚Hoffnungshüpfer‘, die Trauergruppen für Erwachsene oder die individuelle Trauerbegleitung, helfen dabei, dass Kinder mit ihren Gefühlen nicht allein bleiben und in der schweren Zeit Sicherheit und Orientierung finden“, betonte Sozialdezernent Patrick Krug.
„Trauer kennt kein Alter und hält sich nicht an Zeitpläne. Sie kann unmittelbar nach einem Verlust überwältigend sein, sich erst Wochen später zeigen oder den Alltag noch lange begleiten“, unterstrich Beate Jung.
Wie Menschen – ganz gleich, ob Kinder oder Erwachsene – mit einem Verlust umgehen, sei sehr unterschiedlich. Während manche das Gespräch suchten, bräuchten andere zunächst Ruhe. Einige wünschten sich den Austausch mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben, andere bevorzugten eine persönliche Begleitung. Deshalb bietet der Verein neben Gruppenangeboten mit unterschiedlichen, teils auch kreativen Ansätzen, individuelle Gespräche und Unterstützung an.
Dabei gehe es nicht allein um die emotionale Bewältigung eines Verlustes. Ein Todesfall bringe häufig auch ganz praktische Herausforderungen mit sich, die in einer ohnehin belastenden Situation kaum zu bewältigen scheinen. „Allein der Antrag auf Hinterbliebenenrente kann einen in der Ausnahmesituation nach einem Trauerfall intellektuell komplett überfordern“, schilderte Melanie Schürer. „Auch in solchen Situationen sind wir da, bieten Hilfestellung oder vermitteln passende Unterstützungsangebote.“
Denn Trauernde sollten nicht das Gefühl haben, nach einem Verlust alles allein bewältigen zu müssen. Sie dürften Unterstützung annehmen, Fragen stellen und sich Hilfe holen – auch dann, wenn sie selbst noch gar nicht genau wissen, was sie gerade brauchen.
„Der Verlust eines geliebten Menschen verändert das Leben von einem Moment auf den anderen. Umso wichtiger ist es, dass es Anlaufstellen gibt, die nicht nur zuhören, sondern Menschen auch ganz praktisch unterstützen“, sagte Patrick Krug.
Ein zentrales Anliegen des Vereins: Trauer aus der Tabuzone zu holen. Noch immer falle es vielen Menschen schwer, über den Tod zu sprechen – besonders dann, wenn Kinder betroffen sind. Aus Sorge, etwas Falsches zu sagen oder zusätzlichen Schmerz auszulösen, blieben Fragen mitunter unbeantwortet. Dabei würden Kinder sehr genau spüren, wenn sich die Stimmung in ihrer Familie verändert, schilderten die Frauen. Sie bräuchten Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Menschen, die ihnen vermitteln, dass ihre Gefühle alle richtig sind.
„Ob ein Elternteil, ein Großelternteil, ein Geschwisterkind, ein lieber Nachbar oder ein geliebtes Haustier gestorben ist – jeder Verlust kann eine tiefe Lücke hinterlassen und den Menschen auch ein Stück weit verändern. Trauer hat viele Gesichter“, sagte Müller. „Und jedes davon darf hier sein.“
Damit das Angebot auch künftig möglichst vielen Menschen offensteht, ist der Verein auf Unterstützung angewiesen. Gesucht werden weitere Ehrenamtliche, die sich engagieren und die Arbeit des „Hellen Hauses“ mittragen möchten. Wer sich vorstellen kann, trauernde Menschen mit Einfühlungsvermögen, Zeit und Offenheit zu begleiten, kann dazu beitragen, dass niemand diesen schwierigen Weg allein gehen muss. „Wir bilden Interessierte gern in Richtung Trauerbegleitung weiter – Erfahrung in der Trauerbegleitung ist nicht erforderlich“, machte die Vereinsvorsitzende Schürer deutlich.
Für Patrick Krug ist dieses Engagement ein Gewinn für den gesamten Vogelsbergkreis: „Eine Gemeinschaft zeigt ihre Stärke gerade dann, wenn Menschen verletzlich sind und Unterstützung brauchen. Das ,Helle Haus‘ gibt Trauernden einen Ort, an dem sie willkommen sind und nicht erklären müssen, warum sie traurig sind. Ich wünsche dem Verein, dass er seine wichtige Arbeit fortsetzen und noch viele Menschen erreichen kann. Und ich hoffe, dass sich weitere Ehrenamtliche finden, die dieses wertvolle Angebot unterstützen.“
Während Hospize Sterbende und ihre Angehörigen bis zum Abschied begleiten, stehe das „Helle Haus“ Hinterbliebenen auf ihrem weiteren Weg zur Seite. Den Verlust könne niemand ungeschehen machen. Doch Menschen, die zuhören, mittragen und da sind, könnten helfen, das Unbegreifliche ein Stück weit auszuhalten, neue Kraft zu schöpfen und langsam Schritte in ein verändertes Leben zu wagen, erklärten die Frauen abschließend.
Weitere Informationen zum „Hellen Haus“ gibt es bei Heike Müller unter Telefon 015773990533, per E-Mail an hm@helleshaus.org oder auf der Website www.helleshaus.org.
