Steinfurt, 29.09.2026 (lifePR) – Wenn eine Milchkuh erkrankt, sind die Kosten der tierärztlichen Behandlung sofort sichtbar: Untersuchung, Medikamente und zusätzlicher Arbeitsaufwand. Die häufig wesentlich größeren wirtschaftlichen Folgen bleiben dagegen leicht verborgen – etwa Milchleistungsverluste, Sperrmilch, Fruchtbarkeitsstörungen, zusätzliche Arbeit oder ein vorzeitiger Abgang der Kuh.
„Tierarztkosten sind nicht dasselbe wie Krankheitskosten“, sagt Ernst-Günther Hellwig, Fachtierarzt und Agrarwissenschaftler sowie Gründer und Leiter der Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA). „Wer nur auf die Kosten der Behandlung schaut, sieht lediglich einen Teil der Rechnung.“
Eine Mastitis kostet mehr als Medikamente
Das lässt sich am Beispiel der Eutergesundheit zeigen. In einem im Rahmen des IMPRO-Projektes untersuchten Beispielbetrieb wurden die jährlichen Kosten von Eutererkrankungen mit 14.207 Euro bzw. rund 142 Euro je Bestandskuh beziffert.
Dabei geht es keineswegs nur um Tierarzt und Medikamente. Zu berücksichtigen sind unter anderem Milchleistungsverluste, nicht lieferfähige Milch, zusätzliche Arbeitszeit und ein erhöhtes Risiko für vorzeitige Abgänge.
Ähnliches gilt für Lahmheiten. Je nach Schweregrad, Erkrankungszeitpunkt und betrieblicher Situation werden Gesamtkosten in einer Größenordnung von etwa 130 bis 600 Euro je Lahmheitsfall als Orientierungswerte angegeben.
Doch die ökonomische Betrachtung ist nur eine Seite. Mastitis und Lahmheiten beeinträchtigen unmittelbar Gesundheit und Wohlbefinden der Tiere. Frühzeitiges Erkennen und konsequente Prävention sind deshalb gleichzeitig eine Frage von Tiergesundheit, Tierwohl und Wirtschaftlichkeit.
Moderne Tiermedizin beginnt nicht erst beim kranken Tier
Für die Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA) mit Sitz im münsterländischen Steinfurt, bedeutet moderne Nutztiermedizin deshalb mehr als die fachgerechte Behandlung einer bereits erkrankten Kuh.
Der betreuende Tierarzt kennt im Idealfall nicht nur das einzelne Tier, sondern auch den Bestand: Fütterung, Haltung, Stallklima, Wasserversorgung, Fruchtbarkeit, Stoffwechsel, Eutergesundheit, Klauengesundheit, Kälberaufzucht und betriebliche Abläufe.
Hinzu kommen heute immer mehr Daten. Milchleistungsprüfung, Laborergebnisse, Milchmenge, Aktivität, Wiederkauverhalten, Leitfähigkeit, Temperatur und andere Sensorsignale können Hinweise liefern, lange bevor ein gesundheitliches Problem offensichtlich wird.
Aber viele Daten machen noch keine Diagnose.
„Sensortechnik liefert Signale. Der Tierarzt liefert die medizinische Einordnung“, betont Hellwig. „Erst zusammen mit klinischer Untersuchung, Diagnostik, Kenntnis des Betriebes und tiermedizinischer Erfahrung können aus Daten vernünftige Entscheidungen werden.“
Prävention bedeutet nicht weniger Tiermedizin
Gerade beim Einsatz von Tierarzneimitteln wird die Diskussion häufig zu stark auf Mengen reduziert. Das greift aus Sicht der AVA zu kurz.
Ein krankes Tier, das eine medizinisch notwendige Behandlung benötigt, muss schon aus Tierschutzgründen behandelt werden. Das gilt selbstverständlich auch für Antibiotika, wenn deren Einsatz nach tierärztlicher Diagnose erforderlich ist.
Das Ziel kann deshalb nicht lauten, notwendige Behandlungen zu unterlassen.
Der bessere Ansatz beginnt früher: Erkrankungsrisiken erkennen, Haltungs- und Fütterungsfehler reduzieren, Infektionsketten unterbrechen, Biosicherheit verbessern und Gesundheitsprobleme auf Bestandsebene erkennen, bevor daraus eine größere Zahl behandlungsbedürftiger Tiere entsteht.
Weniger Tierarzneimittel durch bessere Tiergesundheit – niemals durch Unterlassen einer notwendigen Therapie.
Dieser Grundsatz beschreibt für die AVA eine zentrale Aufgabe moderner tierärztlicher Bestandsbetreuung.
Vom Einzeltier zum Bestand – tierärztliche Kompetenz wird breiter
Der Strukturwandel in der Landwirtschaft verändert auch die tierärztliche Arbeit. Die Zahl der Milchkuhhaltungen ist in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Gleichzeitig werden die verbleibenden Bestände tendenziell größer.
Damit wächst die Bedeutung einer systematischen tierärztlichen Bestandsbetreuung.
Die Erkrankung der einzelnen Kuh erfordert Diagnose und Therapie. Treten vergleichbare Probleme jedoch wiederholt im Bestand auf, muss zusätzlich nach den gemeinsamen Ursachen gefragt werden.
Warum werden diese Tiere krank?
Genau an diesem Punkt treffen Tiermedizin und Landwirtschaft aufeinander.
Warum treten wiederholt Euterentzündungen auf? Weshalb gibt es in bestimmten Laktationsphasen vermehrt Stoffwechselprobleme? Warum entwickeln sich Kälber nicht wie erwartet? Weshalb treten gehäuft Lahmheiten oder Fruchtbarkeitsstörungen auf?
Dann gehören Fütterung, Haltung, Hygiene, Wasserversorgung, Stallklima, Arbeitsabläufe und Management zur tiermedizinischen Ursachenforschung.
Die klassische kurative Tätigkeit wird dadurch nicht weniger wichtig. Sie wird um den Blick auf die gesamte Herde und deren Produktionsbedingungen erweitert.
Tiergesundheit und Wirtschaftlichkeit sind keine Gegensätze
Eine gesunde Kuh ist nicht nur aus Sicht des Tierwohls das Ziel. Gesundheit ist zugleich eine wesentliche biologische Voraussetzung für eine wirtschaftlich nachhaltige Milchproduktion.
Eine Kuh mit einer Euterentzündung (Mastitis) kann weniger Milch geben. Eine lahme Kuh kann weniger fressen, in ihrer Leistung zurückgehen und Fruchtbarkeitsprobleme entwickeln. Ein Kalb mit schwerem Durchfall oder einer Atemwegserkrankung benötigt intensive Betreuung und kann in seiner weiteren Entwicklung beeinträchtigt werden.
Deshalb sollte Tiergesundheit nicht ausschließlich als Kostenposition betrachtet werden.
Investitionen in Prävention, Diagnostik und eine qualifizierte Bestandsbetreuung können dazu beitragen, Erkrankungen zu vermeiden oder früher zu erkennen – und damit auch Folgekosten zu reduzieren.
Die beste Behandlung kann darin bestehen, Krankheit zu verhindern
Kurative tierärztliche Kompetenz bleibt unverzichtbar. Ein Tierarzt muss ein krankes Tier untersuchen, eine Diagnose stellen und fachgerecht behandeln können.
Doch moderne Nutztiermedizin setzt möglichst früher an.
Jede vermiedene Mastitis, jede rechtzeitig erkannte Stoffwechselstörung, jede verhinderte Lahmheit und jedes Kalb, das aufgrund guten Managements gesund aufwächst, muss später nicht wegen dieser Erkrankung behandelt werden.
Das verbessert die Voraussetzungen für Tierwohl und Wirtschaftlichkeit und kann gleichzeitig dazu beitragen, den Einsatz von Tierarzneimitteln zu vermindern.
Die teuerste Krankheit ist deshalb häufig diejenige, deren Entstehung man hätte verhindern können – oder die zu spät erkannt wurde.
Moderne Bestandsmedizin beginnt deshalb nicht erst mit der Therapie. Sie verbindet die Medizin am Tier mit dem Wissen um Fütterung, Haltung, Hygiene und Management.
Ziel ist nicht weniger Tiermedizin – sondern weniger Krankheit.
AVA – Agrar- und Veterinär-Akademie
Die Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA) bietet seit 25 Jahren Fort- und Weiterbildungen für Tierärztinnen und Tierärzte, Landwirtinnen und Landwirte sowie Beraterinnen und Berater an. Im Mittelpunkt steht die Verbindung von tiermedizinischem und landwirtschaftlichem Wissen mit dem Ziel, Tiergesundheit, Tierwohl und eine verantwortungsvolle Nutztierhaltung zu fördern.
AVA-Leitsatz: „AVA-Fortbildungen helfen Tierarzneimittel einzusparen.“
