Hamburg, 02.09.2026 (lifePR) – Eine neue Studie, die in der Fachzeitschrift „Frontiers in Public Health“ veröffentlicht wurde, zeigt, dass jährlich über 400 Millionen Menschen, vorwiegend in der Landwirtschaft Beschäftigte, weltweit an einer akuten Pestizidvergiftung leiden. Angesichts dieser Zahl fordert das Pestizid Aktions-Netzwerk, die dringend erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um die giftigsten Pestizide aus der Landwirtschaft zu verbannen und durch sicherere Alternativen zu ersetzen.
Die publizierte umfassende Datenauswertung ergab, dass die meisten dieser nicht tödlichen Vergiftungsfälle in Südasien auftraten, gefolgt von Südostasien und Ostafrika. Die höchste Inzidenz in einem einzelnen Land wurde in Burkina Faso verzeichnet, wo fast 84 % der Landwirt*innen und Landarbeiter*innen jedes Jahr unbeabsichtigte akute Pestizidvergiftungen erlitten.
Beschäftigte in der Landwirtschaft sind den Pestiziden vor allem während der Aufbereitung und der Ausbringung sowie beim Kontakt mit behandelten Pflanzen, kontaminierten Geräten oder Kleidung ausgesetzt. Zu den häufig beobachteten Symptomen durch Pestizide verursachter akute Vergiftungserscheinungen zählen Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Erbrechen und Hautausschläge. Dabei sind es nicht nur die akuten Symptome, die die Menschen belasten: Die hohe Zahl an Vergiftungsfällen bei landwirtschaftlichen Beschäftigten im Globalen Süden verweist auch auf die dort herrschende Dauerexposition auf vergleichsweise hohem Niveau.
Die Gesamtzahl der Todesfälle weltweit durch unbeabsichtigte Pestizidvergiftungen wird auf etwa 11.000 pro Jahr geschätzt. Fast 60 % davon ereigneten sich in nur einem Land, nämlich Indien, was laut den Autor*innen der Studie auf gravierende Probleme beim Einsatz von Pestiziden hindeutet.
„Die hohe Zahl an nicht tödlichen, unbeabsichtigten Pestizidvergiftungen verdeutlicht, dass der übliche Fokus auf Todesfälle nicht ausreicht. Vielmehr ist es notwendig, das Problem der Pestizidvergiftungen umfassender zu betrachten und internationale und nationale Maßnahmen zur Erfassung und Vermeidung von Pestizidvergiftungen zu verbessern“, sagt Susan Haffmans, Referentin bei PAN Germany. „Wir dürfen nicht länger hinnehmen, dass diejenigen, die auf den Feldern arbeiten und unsere Lebensmittel anbauen, schädlichen Pestiziden ausgesetzt sind und krank werden. Die neuen Erkenntnisse unterstreichen die Dringlichkeit, den nicht-chemischen Pflanzenschutz zu fördern und hochgefährliche Pestizide zu verbieten“, so Haffmans.
Wenn hochgefährliche Pestizide wie Alltagsgüter vermarktet werden, sind weit verbreitete Vergiftungen eine unvermeidliche Folge. Landwirt*innen die Schuld für Pestizidvergiftungen zu geben, verlagert die gesamte Verantwortung ungerechtfertigterweise auf Einzelpersonen, die unter erheblichen wirtschaftlichen und praktischen Zwängen arbeiten, bestimmte chemische Mittel einzusetzen. Erzeuger*innen greifen oft mangels unabhängiger agroökologischer Beratung auf die Empfehlungen von der Agrochemie zurück.
Die Umsetzung der Empfehlung der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zum schrittweisen Ausstieg aus hochgefährlichen Pestiziden (HHPs) sowie die Erreichung des Ziels A7 des Globalen Rahmenwerks zu Chemikalien („Global Framework on Chemicals“), wonach HHPs bis 2035 schrittweise abgeschafft werden sollen, könnte die Belastung durch unbeabsichtigte Pestizidvergiftungen erheblich verringern.
Javier Souza Casadinho, Regionalkoordinator von PAN Lateinamerika, erklärt: „In Lateinamerika hat der Einsatz von Pestiziden – einschließlich solcher, die in Europa verboten sind – in den letzten 25 Jahren infolge der Entwicklung von Monokulturen mit gentechnisch verändertem Saatgut dramatisch zugenommen. Nicht nur Landwirt*innen und Landarbeiter*innen sind diesen Stoffen ausgesetzt, sondern auch ihre Familien, die in der Nähe der besprühten Felder leben. Insbesondere Kinder sind gesundheitlich am stärksten betroffen, da diese Pestizide deren Hormonsystem beeinträchtigen. Die Agrarökologie ist der Weg in die Zukunft, um den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren – und letztendlich ganz zu beenden – und gleichzeitig gesunde Lebensmittel zu produzieren.“
„Frauen in Afrika sind aufgrund ihrer intensiven Arbeit in der Landwirtschaft – beim Anbau und bei der Ernte – einem höheren Risiko durch Pestizidbelastung ausgesetzt. Oft fehlt es ihnen an Schutzausrüstung und Sicherheitsschulungen, was zu akuten und chronischen Gesundheitsproblemen führt, die auch ungeborene oder gestillte Kinder gefährden können. Selbst wenn Schutzausrüstung verfügbar wäre, wird sie angesichts des ganzjährig heißen Klimas nicht bevorzugt“, sagt Frau Dorah Swai, Koordinatorin von PAN Anglophone Africa.
„Wir sind alarmiert, aber nicht überrascht, dass Süd- und Südostasien die Liste der Regionen mit der höchsten Zahl nicht tödlicher akuter Vergiftungen anführt“, sagt Sarojeni Rengam, Geschäftsführerin von PAN Asia Pacific. „Wir sehen täglich Beweise für das akute und chronische Leid von Landwirt*innen, Landarbeiter*innen und ländlichen Gemeinschaften in unserer Region. Was jedoch oft übersehen wird, ist, dass dies auch eine Region ist, die reich an Wissen, Erfahrung und Fähigkeiten der in der Landwirtschaft Tätigen im Bereich der Agrarökologie ist. In ganz Asien zeigen Gemeinschaften, dass nachhaltige, pestizidfreie Ernährungssysteme nicht nur möglich sind, sondern bereits von den Landwirt*innen selbst praktiziert und gestärkt werden.“
„Die weltweit größten Pestizidhersteller – Syngenta, Bayer/Monsanto, Corteva und BASF – produzieren einige der gefährlichsten Pestizide der Welt“, sagt Allison Davis, Geschäftsführerin von PAN North America. „Während diese Unternehmen jedes Jahr immense Gewinne aus der aggressiven Vermarktung und dem Verkauf gefährlicher Pestizide erzielen, sind es die Landwirt*innen und Arbeiter*innen im Globalen Süden, die die Kosten tragen und mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben dafür bezahlen. Indem unsere Regierungen diesen Konzernen erlauben, Chemikalien zu verkaufen, die in ihren eigenen Ländern oft eingeschränkt oder verboten sind, haben sie ihre Pflicht zum Schutz und zur Wahrung des universellen Menschenrechts auf Gesundheit völlig vernachlässigt.“
Die neue Publikation mit dem Titel „Worldwide unintentional acute pesticide poisonings: reassessing the occupational and non-occupational burden“ hat die verfügbaren Daten von 2006 bis 2023 aus insgesamt 139 Ländern ausgewertet. Die meisten Studien konzentrierten sich auf berufsbedingte Vergiftungen, insbesondere bei den in der Landwirtschaft Beschäftigten.
Pressekontakt:
- Peter Clausing, PAN Germany, Toxikologe und Co-Autor der Studie, peter.clausing@pan-germany.org, Tel.: 0176-4379 5932
Weitere Pressekontakte für Anfragen auf Englisch, Spanisch und Französisch finden sich in der PAN International Presseerklärung.
Das Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany) ist Teil des Pesticide Action Network International (PAN), ein globales Netzwerk von über 600 Nichtregierungsorganisationen, Institutionen und Einzelpersonen in 90 Ländern, das sich dafür einsetzt, gefährliche Pestizide durch umweltschonende und sozial gerechte Alternativen zu ersetzen. Weitere Informationen finden Sie unter https://pan-international.org/.
