Schleswig-Holstein, 29.07.2026 (lifePR) – Für die vom Kompetenzzentrum Demenz in Schleswig-Holstein in Auftrag gegebene Studie „Pflegeplätze für Personen mit Demenz (PmD) und herausforderndem Verhalten in Schleswig-Holstein: Eine Befragung von An- und Zugehörigen sowie stationären und teilstationären Pflegeeinrichtungen“ liegt nun der Forschungsbericht von Prof. Dr. Anke Erdmann, HAW Kiel, Fachbereich Gesundheit, vor. Er ist unter https://www.demenz-sh.de/bildungsangebote/tagungen/ als PDF verfügbar.

Darin wird belegt, dass insbesondere Personen mit einer Weg- bzw. Hinlauftendenz, es schwerer haben, einen Pflegeplatz zu finden oder zu halten. Mit zunehmender Häufigkeit eines solchen Verhaltens bei einer Person verlängern sich sowohl die Dauer der Pflegeplatzsuche als auch die Zahl der Ablehnungen signifikant.

106 An- und Zugehörige sowie 58 Pflegeeinrichtungen nahmen an der quantitativen Befragung teil. Die Zusage für einen Pflegeplatz brauchte im Erhebungszeitraum im Mittel acht Wochen. Das ist, verglichen mit früheren Erhebungen, ein Anstieg um zwei Wochen. Durchschnittlich weitere drei Wochen mussten die Pflegeplatzanwärter dann warten, bis sie diesen tatsächlich nutzen konnten. Die häufigsten Gründe für eine Ablehnung sind fehlende Pflege- und Betreuungsplätze, sowohl im ungeschützten als auch im geschützten Bereich, aber auch die mangelnde Fähigkeit, einen adäquaten Umgang mit den Verhaltensweisen der demenzkranken Person zu gewährleisten. Auch bei den Kündigungen ist das Verhalten der Person mit Demenz der häufigste Grund.

Die Ergebnisse machen darauf aufmerksam, dass es nicht nur an ungeschützten Pflegeplätzen mangelt, sondern dass für Personen mit einem zwar unruhigen, aktiven, aber nicht aggressiven Verhalten wie einer Weg-/Hinlauftendenz, mehr Pflegeangebote geschaffen werden müssen. Ebenso müssen die Kompetenzen zum Umgang mit herausforderndem Verhalten weiter ausgebaut werden. Dazu sollten weiterhin entsprechende Fortbildungsangebote vorgehalten werden sowie regelmäßige Fallbesprechungen für die Mitarbeitenden in den Einrichtungen stattfinden.

Das Kompetenzzentrum Demenz kündigt passend dazu für den 12.11.2026 seinen Fachtag „Kein Platz für Unruhe!?" – Wenn Demenz nicht ins System passt… Herausforderndes Verhalten verstehen, begleiten und handeln“ an.

Dort stellt Prof. Dr. Anke Erdmann die aktuelle Studie vor. In weiteren Vorträgen und Workshops geht es um die Bedeutung Beziehungsarbeit und weitere praktische Lösungsansätze.

Der Fachtag lädt dazu ein, die Erkenntnisse zu vertiefen, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam neue Perspektiven zu entwickeln.

Er richtet sich an Pflegefachkräfte in ambulanter, stationärer und teilstationärer Versorgung, im Krankenhaus, Betreuungskräfte, Mitarbeitende in Medizin und Therapie sowie An- und Zugehörige und an alle, die sich für ein demenzfreundliches Miteinander einsetzen. Hinweise zur Anmeldung und weitere Informationen gibt es demnächst unter https://www.demenzsh.de/bildungsangebote/tagungen/.

Die nächste dazu passende Fortbildung aus dem Jahresprogramm 2026 des Kompetenzzentrums findet bereits am 18.08.26 in Neumünster statt: Nr. 14 „Verstehen, begleiten, kommunizieren – Umgang mit herausforderndem Verhalten bei Menschen mit Demenz“. Unter der Leitung von Adelina Berisha, B.Sc. Pflegewissenschaftlerin, exam.

Pflegefachfrau lernen die Teilnehmenden, auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zu achten und angemessen zu reagieren. Informationen und Anmeldung: https://www.demenzsh.de/verstehen-begleiten-kommunizieren-umgang-mit-herausforderndem-verhalten-bei-menschenmit-demenz/

Die Gerontologin Anna Jannes leitet das Kompetenzzentrum Demenz in Schleswig-Holstein. Sie bezieht in einem Interview Stellung zur Studie.

I: Frau Jannes, wie kam es zu der Forscherfrage nach Zusammenhängen von auffälligem Verhalten bei Menschen mit Demenz und der Chance auf einen Pflegeplatz?

Jannes: In den letzten Jahren häuften sich im Kompetenzzentrum Demenz Hilferufe und Anfragen von An- und Zugehörigen, die bei der Pflegeplatzsuche auf Absagen, lange Wartezeiten oder sogar die Kündigung bestehender Pflegeverträge gestoßen sind. Da die Pflegeberatung laut Förderkriterien nicht unsere Aufgabe ist, wir von den Pflegestützpunkten und Alzheimer Gesellschaften im Land aber ähnliche Erfahrungen widergespiegelt bekommen haben, wollten wir dies wissenschaftlich hinterfragen.

I: Die Studie bestätigt, dass dauerhafte institutionelle Pflege bei auffälligem Verhalten keine selbstverständliche Leistung ist. Wie kommt das und was bedeutet das für pflegende Angehörige?

Jannes: Die Gründe für Wartezeiten, Ablehnungen oder Kündigungen sind unterschiedlich. Neben den insgesamt fehlenden Pflegeplätzen und dem entsprechend qualifizierten Personal, können es z. B. bauliche Gegebenheiten sein. Für pflegende Angehörige ist das fatal. In Schleswig-Holstein leben mehr als 70.000 Menschen mit Demenz. Der weitaus größte Teil von ihnen wird Zuhause von ihren Angehörigen versorgt. Eine enorme volkswirtschaftliche Entlastung, die von Seiten des Staates bestmöglich unterstützt werden müsste. Leider erleben wir da gerade eine Fehlentwicklung.

I: Was empfehlen Sie pflegenden Angehörigen?

Jannes: Auf die eigenen Kräfte zu achten. Sich frühzeitig ein Netzwerk aus Familie und anderen Personen zu bilden, die sich die Pflege- und Betreuungsarbeit teilen. Dafür braucht es natürlich erstmal einen offenen Umgang mit der Erkrankung: es muss ausgesprochen werden, was täglich belastet. Nur so kann gemeinsam draufgeschaut werden, wer wobei entlasten kann. Pflegestützpunkte und Alzheimer Gesellschaften können auch helfen, Gedanken zu sortieren und Hilfsangebote der Region aufzuzeigen. Die Studie zeigt, dass es notwendig ist, weit im Voraus zu planen, von daher sollte rechtzeitig der Kontakt zu Tagespflegen oder stationären Einrichtungen gesucht werden. Lassen Sie sich die Pflegeangebote zeigen, fragen Sie nach deren Konzepten für Menschen mit Demenz und setzen Sie sich bei potentiell passenden Einrichtungen auf Wartelisten.

I: Was können Einrichtungen tun?

Jannes: Hier bedarf es vor allem Personal, was gewonnen und durch gute Arbeitsbedingungen gehalten werden kann. Es braucht Fortbildungen – und damit meine ich nicht nur Pflegewissen, sondern auch das grundsätzliche Verständnis für den Umgang und eine entsprechende Haltung. Das entsteht nur da, wo alle Mitarbeitenden ins Boot geholt werden, sich auf Augenhöhe austauschen können und sich in ihren Aufgaben ergänzen. Auch der wertschätzende Einbezug von Nachbarschaft und Ehrenamt kann der guten Atmosphäre in der Einrichtung dienlich sein.

I: Und was kann von politischer Seite geleistet werden?

Jannes: Es gibt viele erhobene statistische Daten und Studienergebnisse zur Situation der Pflege. Diese müssen von den Ministerien und Kommunen konsequent für die Pflegeplanung genutzt werden. Die häusliche Pflege muss durch professionelle Pflege und pfiffige Ideen im Quartier gestützt werden. Und natürlich kann es nicht sein, dass Einrichtungen aus Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen z. B. durch Vernachlässigung der Aufsichtspflicht, hilfebedürftigen Menschen Pflegeplätze verweigern oder kündigen. Auch hier braucht es mutige Lösungen.